Da rein?

Morgens kurz nach acht, Aufbruch zu einer längeren Autoreise, und das ruft nach dem obligatorischen Boxenstopp an der Tanke meines Vertrauens, ehe es in die Ferne geht. Der übliche Imbiss besteht aus einem Eiweißriegel und einem doppelten Espresso, Letzterer umweltfreundlich im eigenen Becher, welcher mir seit einer Weile ein treuer Begleiter ist. Zum Schutz von Mutter Natur vor allfälliger Übermüllung reiche ich also seitdem an den Tankstellen und Raststätten landauf landab bei Koffeindurst stets mein grünes Metallbecherchen zum Befüllen über den Tresen. An meiner Stammtanke ist das bereits derart ritualisiert, dass man sich dort schon wundert, sollte ich mal ohne meinen Becher aufkreuzen und ab und zu (ich gestehe, das kommt vor) auch mal wieder eine ordinäre Papptasse benötigen, weil ich meine eigene schlicht doch mal vergessen hab. Ich steuere also meine Haus-und-Hof-Tankstelle an, in der Erwartung, dass mich eines der mir bereits bekannten Gesichter hinter dem Schalter willkommen heißt.

 

An diesem Morgen ist es allerdings anders, und ein fremdes Gesicht guckt mir von dort entgegen. Junge Dame, Anfang, höchstens Mitte 20, unauffällige Erscheinung, die Gewissenhaftigkeit blitzt aus ihren Augen – offensichtlich ist sie noch nicht allzu lang dabei. Macht mir nix, ich stelle meinen Becher vor ihr auf den Kassentisch, lege den Eiweißriegel daneben und sage, was ich immer sage. „Den hier und einen doppelten Espresso zum Mitnehmen, bitte hier hinein.“ Weil ich bisweilen auf Kassenpersonal stoße, dem das Mitbringen einer eigenen Tasse noch nicht vertraut ist, schiebe ich mit der Anweisung „hier hinein“ den Becher (sagen wir als eine Art zusätzliche Verständniserleichterung für die junge Nachwuchskraft) zwei, drei Zentimeter in Richtung der mir unbekannten Kassiererin. Sie taxiert das Gefäß, beobachtet es, wie es sich auf sie zubewegt, hebt daraufhin ihren Blick und glotzt mich mit großen Augen fragend an. Dazu ein völlig ratloses „Da rein?“.

 

Die Frage kommt unerwartet. Sie sagt das in einem Ton, als hätte man ihr gerade einen Hut angeboten, und sie fragt „Auf den Kopf?“. Oder frische Luft, und sie fragt „Einatmen?“ Oder stellen Sie sich vor, die Dame vor dem Traualtar, ihr Zukünftiger streckt ihr seine Hand entgegen, in Erwartung des Rings, und sie fragt bloß verstört „An den Finger?“

 

Sie stellt mir also, im Angesicht meines Bechers, ob meiner Bestellung eines doppelten Espressos ernsthaft die Frage „Da rein?“, und ich stutze irritiert. Was darauf sagen? „Nein, bitte daneben.“, kurz und bündig. Oder „Wie kommen Sie denn darauf? Nein, bitte natürlich in einen Pappbecher. Meine lustige farbige Tasse hab ich bloß hier hingestellt, weil mir Ihr Tresen so schmucklos vorkam.“ oder „Nein, in einen Pappbecher, meine Tasse hab ich bloß mitgebracht, damit er sich dann im Auto nicht so alleine fühlt.“ oder „Ja. Oder nein, bitte doch in einen Pappbecher. Die Tasse möchte ich Ihnen gerne spontan schenken, weil ich mich soeben unsterblich in Sie verliebt habe.“ oder „Schnauze, das ist ein Überfall! Geben Sie mir sofort all Ihr Bargeld, alle Tankgutscheine und alle Waschanlagenkärtchen, aufgeladen mit Programm 6, inklusive Felgenpflege und Nano-Versiegelung. Und für die Wartezeit, bis Sie das alles zusammengekramt haben in Ihrer heillosen Hilflosigkeit, machen Se mir n Kaffee. Und ja. Da. Rein!“ Oder ich antworte einfach mit „Was ist das denn bitte für eine extrem bescheuerte und völlig sinnlose Frage?“, mache auf der Hacke kehrt, lege den Eiweißriegel zurück ins Regal, verlasse den Raum und hol mir meinen Kaffee woanders, nämlich an einer Tankstelle, an der man mich versteht, und an der der Zusammenhang zwischen einer Espressobestellung und einer mitgebrachten Tasse als das erkannt wird, was er eigentlich ist – nämlich zwingend logisch. Der möglichen Antworten sind Legion, so dass ich an mich halten muss, um nicht gänzlich abzuschweifen und währenddessen die überforderte Kassiererin mit ihrer Ungewissheit alleine zu lassen.

 

Offen gesagt, ich bin in Sorge. Wenn die junge Dame mit dem Informationsgehalt von „Einen doppelten Espresso bitte, hier hinein“ schon heillos überfordert ist, dann mag ich mir nicht ausmalen, wie sie sich anstellt bei noch weitaus komplexeren Sätzen wie beispielsweise „Drei Mal täglich eine Tablette zu den Mahlzeiten“ oder gar „Links Kupplung, Mitte Bremse, rechts Gas.“ Und weil es in meinem Kopfkino in einem entlegenen Winkel auch eine verschwiegene Kabine gibt, für die FSK-18-Momente im Leben, stelle ich mir auch in diesem Zusammenhang gerade das Mädel vor, wie sie die Frage stellt „... Da rein?“

 

Hand aufs Herz, selbst ein entschuldigendes „Ich bin neu in diesem Job“ wäre nicht wirklich eine Entschuldigung für einen derartigen Totalausfall. Erfolgreiches Zuhören, Verarbeiten und die richtigen Schlüsse Ziehen, das ist ja nun keine branchenspezifische Anforderung einer Benzin- und-Koffein-Fachverkäuferin, sondern eher geistige Grundausstattung. Komm schon, Mädchen, einen vollständigen deutschen Hauptsatz erfassen und richtig handhaben, das wirst Du doch zustande bringen, selbst wenn Du nur Singen und Klatschen in der Schule hattest. Das muss doch gehen, das haben schon Andere vor Dir geschafft, sogar DJ Bobo und Alexander Gauland, und wenn selbst die das können, dann kannst Du das auch! Mensch, mit der im Grunde doch recht banalen Aufgabenstellung „das da hier rein“ kommt sogar Lukas Podolski zurecht, und der ist, unter uns, ja auch nicht gerade die hellste Kerze auf dem Kuchen.

 

Ich überlege weiter, was der jungen Dame beim Verständnis meiner Bestellung noch im Weg stehen könnte. Selbst ein „Ich bin neu in diesem Land“ wäre keine hinreichende Erklärung für einen derart rigorosen Logik-Boykott, denn sogar ein weit gereister Fremdländer, der erst gestern das Innere des deutschen Sprachraums erreicht hätte, würde es begreifen, wenn er das Wort „Espresso“ hört (das wir jetzt mal als einen weltumspannend verständlichen Begriff annehmen), und ihm dazu jemand einen Becher über den Tresen schiebt.

 

Sogar ein „Ich bin neu auf diesem Planeten“ wäre kein Argument, denn das würde ich ihr schon deshalb gar nicht abnehmen, weil es mir nicht glaubhaft erscheint, dass sie es von wo auch immer her bis auf die Erde geschafft hätte, wenn sie hernach selbst zu blöd ist, auf einen Satz wie „Einen doppelten Espresso zum Mitnehmen, bitte hier hinein“ adäquat zu reagieren.

 

Zurück an den Tankstellen-Tresen zu „Hören, Denken und Verstehen, Lektion eins“. „Ja, bitte hier hinein“, gebe ich der jungen Dame konziliant zur Antwort und behalte alles für mich, was mir gerade sonst noch an denkbaren Erwiderungen durch den Kopf gegangen war. Sichtlich erhellt schnappt sie also meinen Becher und macht sich auf den Zwei-Schritte-Fußmarsch zur Kaffemaschine hinter ihrem Rücken. Wir werden nie erfahren, ob das freundliche Fräulein meine Bestellung noch im Kopf hatte, als sie sich in Bewegung setzt, oder ob die Fragestellung „Was macht Mann mit Becher vor mir und warum?“ ihr träges Oberstübchen schon vor dem Loslaufen bis zur Undenklichkeit verwirrt hat. Bei ihrer Ankunft am chromblitzenden Kaffee-Vollautomaten 1,37 Sekunden später jedenfalls kann Sie sich nicht mehr erinnern. Sie dreht sich zu mir zurück und fragt gerade so, als hätte sie die Antwort auf ihre Frage noch nie gehört: „Einfach oder doppelt?“

 

Geht das schon wieder los!?! Sogleich erscheinen vor meinem weit aufgerissenen inneren Auge wieder unzählige mögliche Repliken, von denen „Na, was hat der Onkel gerade gesagt?“ noch die freundlichste ist, und auch „Setz Dich und lass mich das machen. Ja, auch das mit dem Becher und dem 'rein'!“ noch lange nicht das Ende der Fahnenstange der in Frage kommenden Reaktionen darstellt.

 

Aber es ist acht Uhr am Morgen, vor mir liegt noch ein ganzer Tag und eine lange Autofahrt, und ich kann, will und werde mich nicht schon, ehe die Reise richtig begonnen hat, in einen Ärger hineinsteigern – auch wenn es sich in diesem Moment schier unwiderstehlich anbietet. Stattdessen beschließe ich, Sanftmut walten und mich nicht zu Gehässigkeiten hinreißen zu lassen, auch wenn das bedeutet, dass diese Geschichte hier schon zu Ende ist.

 

 

Epilog:

 

Einige Wochen später, selber Tresen, andere Kassiererin. Ich habe gerade getankt, und beim Bezahlen gebe ich die folgende Bestellung auf: „Und dann nehm ich noch eine Brezel mit, bitte.“ Als wolle sie dafür sorgen, dass diese Geschichte hier eben doch noch nicht zu Ende ist, fragt mich das Mädel jenseits des Kassentischs „Zum Mitnehmen?“

 

„Nein, zum hier Essen. Ich sagte zwar, dass ich sie mitnehmen wolle, meinte aber eigentlich damit, dass ich sie hier essen möchte. Endlich mal eine Frau, die mich versteht. Wollen Sie mich heiraten?“

 

„Nein, ich werd sie auf einem Ihrer schäbigen Sperrholz-Bistrotische in staubfeines Pulver zerbröseln und dann eine Line davon ziehen. A propos, können Sie mir einen Geldschein leihen?“

 

„Nein, ich habe vor, sie direkt hier vor mir auf dem Boden zu zerschmettern und Ihnen dann aus den entstandenen Bruchstücken die Zukunft zu lesen. Nur so viel vorab – es sieht nicht gut aus!“

 

„Nein, ich kaue die Brezel nur kurz an und modelliere dann hier vor Ihren Augen aus dem Speisebrei einen formschönen Pokal, den ich Ihnen danach schenke, als Anerkennung für die dämlichste Frage seit 'Da rein?'“